Bruno Kern
Ein Begriff ohne Markenschutz
Das Etikett „Ökosozialismus“
wurde und wird von verschiedenen politischen Akteuren in recht
unterschiedlichem Sinne verwendet. Seit den 2000er Jahren sind es vor allem ÖkomarxistInnen
der IV. (trotzkistischen) Internationale, die unter diesem Label auftreten und
die Definitionshoheit über diesen Begriff für sich beanspruchen. Leider bleiben
sie in ihren Analysen und in ihrer politischen Orientierung weit hinter dem ökologisch
Notwendigen zurück, und zuweilen hat man den Eindruck, als sei die
planetarische Krise der Menschheit so etwas wie ein zusätzliches
Hilfsargument für eine
antikapitalistische Position, deren Motive eigentlich woanders liegen. In
klarer Abgrenzung davon will ich im Folgenden das Verständnis von
„Ökosozialismus“ entfalten, wie es Saral Sarkar in seinen Hauptwerken dargelegt
hat (Sarkar 2001; Sarkar 2012; Sarkar 2024), und dessen Profil gerade vor dem
Hintergrund der orthodoxen marxistischen Strömungen herausstellen, die
letztlich den Denkmustern eines Arbeiterbewegungsmarxismus verhaftet bleiben,
ohne der Zivilisationskrise der Menschheit damit gerecht zu werden. Im
Gegensatz zum immer noch prägenden Produktivismus der Klassiker Marx und
Engels, die die maximale Entfaltung der Produktivkräfte für die unabdingbare
Voraussetzung einer sozialistischen Gesellschaft hielten, geht Saral Sarkar
konsequent vom Paradigma der Grenzen des
Wachstums aus, wie sie der Bericht des Club of Rome analysiert hat.
Bevor
ich mich den Unterschieden der Positionen im Detail widme, gilt es jedoch, die
gemeinsame Basis herauszustellen. Wir
teilen mit den ÖkomarxistInnen die Auffassung, dass der dem Kapitalismus aufgrund
der Konkurrenz von Einzelkapitalien eingeschriebene Zwang zu stetigem Wachstum,
sein Zwang zur Kapitalakkumulation auf immer höherer Stufenleiter, durchbrochen
werden muss, dass dieser Wachstumszwang allen ökologischen Erfordernissen
widerspricht und dass an die Stelle der Anarchie kapitalistischer
Profitinteressen eine bewusste, demokratisch gestaltete Planung des
Produktionsprozesses treten muss, um unser Verhältnis zur Natur im Sinne
unserer Überlebensinteressen zu gestalten.
Allerdings gilt es unserer Meinung
nach nicht einfach, die weitere Expansion zu verhindern, sondern vielmehr –
zumindest in den reichen Industrieländern – einen radikalen Schrumpfungsprozess der Ökonomie
einzuleiten, der schließlich in einen Zustand stabilen Gleichgewichts mündet.
Damit steht aber nicht nur der Kapitalismus, sondern auch die
Industriegesellschaft selbst zur Disposition! Das kapitalistische
Produktionsverhältnis ist für uns keineswegs die letzte Ursache, sondern das
jüngste Mittel der Expansion des Industrialismus! In seiner frühen Phase hat
Karl Marx selbst erkannt, dass eine Kritik des Kapitalismus unweigerlich in
eine Kritik der großindustriellen Produktionsweise münden muss (MEW 4,97),
diesen Gedanken aber zugunsten seiner technikgläubigen Haltung der maximalen
Produktivkraftentfaltung wieder verdrängt. Die verharmlosende Vorstellung der
ÖkomarxistInnen von der heute notwendigen ökologischen Transformation hängt
vermutlich unmittelbar mit diesem Erbe zusammen, aber auch – und dies gerade im
Unterschied zu Karl Marx – damit, dass man eine redliche Beschäftigung mit den
empirischen Grundlagen eher scheut bzw. sich salopp darüber hinwegredet.
Technische Illusionen
In welch gefährliche
Naivitäten die Weigerung führen kann, empirische Befunde zur Kenntnis zu
nehmen, lässt sich an Daniel Tanuro, einem der einflussreichsten
„ökosozialistischen“ Vordenker, ablesen. In seinem Buch „Klimakrise und
Kapitalismus“ heißt es gleich zu Beginn: „Ein Sonderbericht
des Weltklimarats (IPCC) bestätigte, dass das technische Potenzial der
erneuerbaren Energien mehr als ausreichend ist, um die Bedürfnisse der
Menschheit zu befriedigen.“ (Tanuro 2025, 11) Es ist erstaunlich genug, dass
sich ein Marxist gerade auf jenes Gremium beruft, dessen Grundanliegen es ist,
das kapitalistische Weltwirtschaftsystem über die Klimakrise hinweg zu retten,
und dass er sich damit überhaupt nicht mehr von den Protagonisten eines grünen
Kapitalismus unterscheidet, die Technikillusionen schüren, um der eigentlich
politischen Frage auszuweichen, die da lautet: Wie bauen wir eine solidarische
Gesellschaft auf einer wesentlich schmaleren materiellen Basis auf? Wenn
erneuerbare Energien tatsächlich ein so aussichtsreiches Potenzial haben –
warum dann noch von Sozialismus reden? Könnte man dann die Bewältigung der
Klimakrise nicht getrost einem aufgeklärten Kapitalismus und den entsprechenden
Profitaussichten überlassen?
Saral Sarkar und seine Schule hingegen haben
anhand einer eingehenden Beschäftigung mit Energiebilanzen,
Energierücklaufzeiten, etc. aufgezeigt, dass erneuerbare Energien keineswegs
unerschöpflich sind, dass auf ihrer Basis allenfalls ein Bruchteil dessen
substituiert werden kann, was uns heute noch aus fossilen Quellen zur Verfügung
steht. Es kommt alles darauf an, in
einer ehrlichen Bilanz, die den gesamten Prozess angefangen vom Abbau der
erforderlichen Rohstoffe bis zur Installation der Anlagen, der Netzintegration
und den nötigen Speicherkapazitäten berücksichtigt, dem energetischen Output
den zunächst nötigen Input an Energie und Ressourcen gegenüberzustellen (EROEI
= energy return on energy invested). Je nach Standort fällt die Bilanz für
Photovoltaik oder Windenergie recht ernüchternd aus.
Die Bereitstellung erneuerbarer
Energien setzt zunächst einen erheblichen Input an fossilen Energien voraus. Erneuerbare
partizipieren an der immer noch vorhandenen fossilen Basis. Im Anschluss an
Nicholas Georgescu-Roegen unterscheidet Sarkar deshalb zwischen machbaren
(feasable) und lebensfähigen (viable) Energien. Lebensfähig wäre eine
Energieform dann, wenn sie sich selbst reproduzieren könnte, wenn die
notwendigen Voraussetzungen ihrer Bereitstellung allein auf der Basis eben
dieser erneuerbaren Energieform geschaffen werden könnten, das heißt: wenn die
zweite Generation der entsprechenden Windräder oder Solarmodule allein mithilfe
von Strom aus Wind und Photovoltaik erzeugt werden könnte. Ist dies überhaupt
denkbar? Kann man sich den Abbau der erforderlichen Rohstoffe, Metallerze,
Seltene Erden und die entsprechende Verarbeitung allein mittels Strom aus
erneuerbaren Energien überhaupt vorstellen? Und wie viel der gewonnenen Energie
bleibt für die verschiedenen Nutzungsanwendungen jenseits ihrer eigenen Reproduktion noch übrig? Zudem ist das Potenzial durch andere,
geografische und schwer zu ändernde Faktoren begrenzt. Windräder brauchen, um
effektiv genug betrieben zu werden, Standorte mit einer bestimmten
Durchschnittswindgeschwindigkeit im Jahr, Photovoltaikanlagen haben nur unter
der Voraussetzung eine positive Energiebilanz, dass die Zahl der
Sonnenvolllaststunden im Jahr entsprechend hoch ist. Aufgrund dieser Faktoren
schätzt man das theoretisch erschließbare Potenzial an erneuerbaren Energien in
Deutschland auf nicht viel mehr als 700 TWh. Dem steht aber zurzeit ein
Endenergieverbrauch von 2500 TWh gegenüber. Es klafft also eine große Lücke
zwischen dem Anspruch, unsere Energiebasis zu 100 % aus Erneuerbaren zu
gewinnen, und unserem Verbrauch. Die Diskussion wird bei uns meistens insofern
verzerrt, als man sie auf die Elektrizität einschränkt, die jedoch zurzeit nur
etwa ein Fünftel unseres Gesamtenergieverbrauchs ausmacht.
Der Offenbarungseid
ist inzwischen gerade von denen, die sich politisch der ökologischen
Transformation verschrieben haben, längst geleistet: Es wurden
Gaslieferverträge bis in die Vierzigerjahre hinein abgeschlossen, man setzt auf
die bedenkliche und ihrerseits illusorische Methode des CCS, man
rechnet mit Wasserstoffmengen aus der ganzen Welt, von denen man heute noch
nicht weiß, wer sie liefern kann, mit einer technischen Transformation (z.B.
Elektromobilität), deren Rohstoffbasis es in ausreichendem Maße nicht gibt ...
Von konservativer Seite fantasiert man von den unerschöpflichen Energiemengen aus
Kernfusion, und vom fast niemandem werden höchst bedenkliche technische
Innovationen (Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren ...)
infrage gestellt, die nichts anderes sind als Brandbeschleuniger und unseren
Energieverbrauch nochmal kräftig in die Höhe schrauben. Und die marxistischen Ökosozialisten
stehen, getreu dem Erbe ihrer Klassiker, zu einem großen Teil diesen
illusorischen Blütenträumen recht unkritisch gegenüber. Demgegenüber betonen
Saral Sarkar und seine Schule, dass die Idee des Sozialismus im 21. Jahrhundert
gerade erst angesichts der Notwendigkeit eines industriellen Rückbaus wieder an
Plausibilität gewinnt.
Industrielle Abrüstung
Angesichts des begrenzten
Potenzials erneuerbarer Energien und des rapiden Abbröckelns der Rohstoffbasis,
der Grenzen von Recycling und Effizienzsteigerungen (die dem Gesetz des
abnehmenden Grenzertrags unterliegen) drängt sich die Konsequenz als zwingend
auf: Die Transformation hin zu ökologischer Nachhaltigkeit kann bei uns nur
Hand in Hand gehen mit einem drastischen Rückbau der Produktion selbst. Die
technischen Voraussetzungen, um „grünen Stahl“ zu produzieren, sind ausgereift.
Doch grüner Wasserstoff wird ein sehr knappes Gut bleiben, sodass von diesem
grünen Stahl eben nur wesentlich weniger produziert werden kann. Dasselbe gilt
für die Grundstoffchemie. Eine vom VCI selbst in Auftrag gegebene Studie aus
dem Jahr 2019 kam zum Ergebnis, dass eine – technisch mögliche –
Dekarbonisierung dieser Branche einen zusätzliche Strombedarf von 685 TWh
bedingen würde, also allein für die Chemieindustrie eine weitaus größere
Strommenge als die in Deutschland zurzeit insgesamt erzeugte.
Wenn es um
absolute Absenkung des Produktionsniveaus geht, dann bedeutet das aber auch,
dass marktkonforme Steuerungsinstrumente wie etwa der Emissionshandel nicht
mehr greifen. Sie wirken ihrer Konzeption nach nur so weit, wie sie durch
Effizienzverbesserungen, innovative Produktionsverfahren etc. kompensiert
werden können. Ein absolutes Herunterfahren der Produktion selbst aber kann nur
auf ordnungspolitischem Weg, also durch Gebote und Verbote, erfolgen. Auf
bestimmte Produkte wird völlig zu verzichten sein – so etwa auf die äußerst
ressourcenintensive Rüstungsindustrie. Es ist an Absurdität nicht zu
überbieten, sich mit diesem immensen Ressourcenverschleiß auf künftige Kriege um
knapper werdende Ressourcen vorzubereiten.
Vieles andere kann ordnungspolitisch
unterbunden werden, ohne dass die Menschen dies als Beeinträchtigung ihrer
Lebensqualität erfahren. Es würde lediglich einem kapitalistischen Leerlauf
Einhalt geboten. Das wäre etwa bei einer wirksamen Gesetzgebung gegen die
sogenannte geplante Obsoleszenz der
Fall, aber auch bei einem Verbot von Kunststoffeinwegverpackungen etc. Dabei
kann es aber nicht bleiben. Es sind durchaus beherzt Bereiche in Angriff zu
nehmen, die die eingeschliffenen Konsummuster der Bevölkerungsmehrheit
betreffen. Das gilt etwa für die
Mobilität: Die Autoproduktion verschlingt in Deutschland zurzeit 48 % der
energieintensiven Aluminiumproduktion, mehr als ein Viertel der
Stahlproduktion, 12 % der Kunststoffproduktion etc. Ein Ende der Zulassung von
Autos für den rein privaten Gebrauch ab 2030 könnte den Autobestand auf ein
Zehntel des heutigen Niveaus reduzieren (ausgenommen blieben natürlich
Transport- und andere Taxis, Betriebsfahrzeuge, Einsatzfahrzeuge,
gemeinschaftlich verwaltete E-Auto-Pools in abgehängten ländlichen Regionen,
was die heute zugelassenen 50 Mio. PkWs auf etwa 5 Mio. reduzieren würde).
Ebenso unumgänglich wäre eine Einschränkung von Fernflügen (über 1000 km) durch
die Vergabe personenbezogener Kontingente, ein vollständiges Verbot von
Kurzstreckenflügen, die Änderung der „guten fachlichen Praxis“ in der
Landwirtschaft, die eine Rückkehr zur bäuerlichen Landwirtschaft einleitet,
eine drastische Einschränkung der Bautätigkeit auf ein schwer zu vermeidendes
Minimum, etc.
Der Unterschied zwischen dem
Ökosozialismus, wie ihn Saral Sarkar und seine Schüler verstehen, und dem der
marxistischen ÖkosozialistInnen, könnte hier größer kaum sein. Deren
Protagonisten sprechen lediglich von einer Einschränkung des Luxuskonsums von
Millionären und Milliardären, verwahren sich zum Teil vehement dagegen, den
Wohlstandsbürgern der reichen Industrieländer Einschränkungen zuzumuten (Klaus
Dörre), und frönen einem Populismus, der gerade angesichts des
Nord-Süd-Gefälles unerträglich klingt. So heißt es bei einem der prominentesten
trotzkistischen Ökosozialisten, Michael Löwy, der den Besitz eines Privatautos
als Menschenrecht betrachtet: „Es gibt keineswegs die Notwendigkeit – wie es
einige puritanische und asketische ÖkologInnen zu glauben scheinen –, das
Lebensniveau der europäischen oder
nordamerikanischen Bevölkerungen in grundsätzlichem Sinne abzusenken.“ (Löwy
2016, 57). So werden vorgebliche Antiimperialisten zu glühenden Verfechtern des
american way of life. Den Unterschied zu den viel gescholtenen Anhängern eines
grünen Kapitalismus kann ich nicht mehr erkennen.
Viele marxistische
ÖkosozialistInnen beschränken einen notwendigen Rückbau lediglich auf die
fossile Branche und suggerieren damit, dass sich das Konsumniveau bei uns mit
anderen Mitteln aufrechterhalten ließe. Allerdings sind zunehmend auch einzelne
Stimmen zu vernehmen, die tatsächlich – wenn auch zaghaft genug – von einem
unvermeidlichen generellen Rückbau sprechen. Sobald sie ihn aber konkret
durchzubuchstabieren versuchen, kommen sie über das bekannte Arsenal eines
ökoliberalen Mainstreams nicht hinaus. In
Deutschland bringt das inzwischen trotzkistisch gewendete „Netzwerk
Ökosozialismus“ die notwendige ökologische Transformation auf die wohlfeile
Formel: Konversion plus Arbeitszeitverkürzung (selbstverständlich bei vollem
Lohnausgleich!). Der Begriff „Konversion“ verschleiert gerade, dass es
keineswegs nur um eine andere Produktion geht, sondern um ein insgesamt
wesentlich geringeres Produktionsvolumen.
Das radikale Zurückfahren der
Automobilindustrie kann eben keineswegs ausgeglichen werden durch einen umso
stärkeren Ausbau der Infrastruktur für den öffentlichen Verkehr. Es wäre ja
ökologisch völlig kontraproduktiv, nun im selben Umfang Eisenbahnwaggons u. ä. statt
Autos zu bauen. Die postulierte Arbeitszeitverkürzung sieht darüber hinweg,
dass die in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsene Arbeitsproduktivität
einen zunehmenden Energieverbrauch zur Voraussetzung hatte und dass eine
nachhaltige Produktion wesentlich arbeitsintensiver sein wird (bäuerliche
Landwirtschaft, Reparatur, traditionelles Handwerk). Wer vollen Lohnausgleich fordert,
will nicht zur Kenntnis nehmen, dass uns insgesamt wesentlich weniger Güter und
Dienstleistungen zur Verfügung stehen werden und dass dies bei gleichbleibenden
Einkommen nur Inflation bedeuten kann. Es
ist entlarvend genug, dass das Netzwerk Ökosozialismus zusammen mit der IG
Metall für den Erhalt des Industriestandorts Deutschland demonstriert. Die
wenigen kritischen Akzente, die man hier zaghaft einbringt, bestärken im Grunde
nur die Orientierung am altbekannten Industrialismus.
„Labour turn“ der Klimagerechtigkeitsbewegung?
Beharrlich halten die
ÖkomarxistInnen daran fest, dass die entscheidenden gesellschaftlichen
Veränderungen einzig von den ArbeiterInnen und deren Organisationen
bewerkstelligt werden können – und dies wider jeden empirischen Befund und
wider jede theoretische Plausibilität (s. vor allem Zeller 2020). Genau damit
hängt es vermutlich zusammen, dass man – wie oben beschrieben – diesem
postulierten revolutionären Subjekt nicht allzu viel zumuten, es keineswegs
überfordern will und damit die ökologische Wahrheit preisgibt. Bei nüchterner
Betrachtung kommt man schlicht an dem Befund nicht vorbei, dass in den letzten
Jahrzehnten der größte Widerstand gegen auch die geringsten ökologischen
Fortschritte von den ArbeiterInnen und Gewerkschaften kam. Dies ist auch nicht
weiter überraschend, zumal die ArbeiterInnen – wenn auch in geringerem Maße als
die reiche Oberschicht – vom globalen Ausbeutungsregime der Ressourcen kräftig profitieren,
dass es eine Komplizenschaft zwischen den Protagonisten des Kapitals und der
Arbeiterschaft hinsichtlich der asymmetrischen Aneignung der weltweiten
Ressourcen gibt und dass dieses globale Gefälle den Gegensatz zwischen Arbeit
und Kapital bei uns mehrfach überkompensiert.
Während Karl Marx noch davon
ausgehen durfte, dass das Interesse an der Umwälzung der Gesellschaft insgesamt
dem unmittelbaren Eigeninteresse des Industrieproletariats entspricht, ist
heute das Gegenteil der Fall: Das Ausbeutungsregime von Natur und globalem
Süden deckt sich vollkommen mit den materiellen Interessen der Arbeiter und
Arbeiterinnen. Selbstverständlich gehen auch Saral Sarkar und seine Schule
davon aus, dass die notwendige ökologische Transformation Hand in Hand gehen
muss mit der radikalen Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit, dass der
notwendige Rückbau der Industrie nur gelingen wird, wenn er mit sozialer
Umverteilung in großem Stil einhergeht und wenn politisch gewährleistet wird,
dass niemand um seine materielle Existenz bangen muss. Dazu haben wir konkrete
politische Vorschläge gemacht (s. etwa Kern 2024, 114–143). Dies bedeutet aber
keineswegs Besitzstandswahrung! Die alten Kategorien des „Klassenkampfes“ sind
unzulänglich, um die planetarische Krise der Menschheit richtig zu erfassen.
Sie verdecken vor allem die „imperiale Lebensweise“, in die die Menschen in den
Industriegesellschaften insgesamt eingebunden sind. Die gesellschaftliche
Transformation bedarf heute einer
kritischen Masse von Menschen, die bereit sind, gegen ihre eigenen
unmittelbaren materiellen Interessen zu handeln. Nicht Proletarier und
Kapitalisten bilden hier den entscheidenden Gegensatz, sondern im Sinne Erich
Fromms verläuft die Trennlinie zwischen den Gleichgültigen und den Engagierten.
Das Projekt eines Ökosozialismus ist letztlich eine ethische Aufgabe.
Bevölkerungswachstum
Der Bericht des Club of Rome
kam zu dem klaren Ergebnis: Ein planetarisches ökologisches Gleichgewicht lässt
sich allenfalls unter zwei Voraussetzungen realisieren: einer politisch in die
Wege geleiteten Rücknahme des industriellen Wachstums und zugleich einer Eindämmung
des Bevölkerungswachstums (s. dazu vor allem die Website von Sustainable
Population Germany: https://sustainable-population-germany.org). Dieser Befund ist auch angesichts der heftigen
Polemik von ÖkomarxistInnen nicht von der Hand zu weisen. Auch heute noch
erfährt unsere Spezies einen jährlichen Zuwachs um etwa 80 Mio. Menschen. Legt
man den weltweiten Durchschnitt des Ausstoßes von Treibhausgasen zugrunde, dann
entspricht das nahezu einer halben Milliarde Tonnen an CO2, die
jedes Jahr dazukommt. Die geringsten ökologischen Fortschritte werden damit
sofort wieder konterkariert.
Wer das Bevölkerungswachstum tabuisiert, der hätte
dann die Beweislast auf seiner Seite, wie er ohne Maßnahmen zur Eindämmung des
Bevölkerungswachstums die notwendigen Reduktionen bewerkstelligen will. Der
Hinweis darauf, dass gerade die ärmsten Menschen im globalen Süden für
wesentlich weniger Emissionen verantwortlich sind, ist zwar richtig, wird aber,
benutzt man ihn als Argument gegen Geburtenkontrolle, heuchlerisch, weil diese
viel geringeren Emissionen gerade als Voraussetzung weiter festgeschrieben
werden, dass es nicht zum ökologischen Kollaps kommt. Zudem ist es bereits arg
verkürzt, das Problem einer wachsenden Erdbevölkerung auf den Ausstoß von
Treibhausgasen zu reduzieren: Eine Übernutzung von Land, Trinkwasser und
anderen Ressourcen, das ständige Vordringen in Naturräume mit fatalen Folgen,
Lebensbedingungen von Menschen in Regionen mit starkem demografischem Druck,
die Gewalt, Krieg und Bürgerkrieg bis hin zu Genoziden fördern (Ruanda), sind
hier gleichermaßen zu bedenken.
Allen ein anständiges Leben innerhalb der
planetarischen Grenzen zu gewährleisten, setzt voraus, dass die Zahl der
Menschen abnimmt. Da wir diese Forderung gleichermaßen an die reichen
Industrieländer mit ihrem vielfach höheren Ressourcenverbrauch richten, läuft
jeder Vorwurf von Rassismus, Neokolonialismus und dergleichen ins Leere. Auch
die heute bereits lebenden mehr als acht Milliarden Menschen können nicht
nachhaltig ernährt werden. Die das behaupten, begehen den Denkfehler, dass sie
die Erträge des heutigen, keineswegs nachhaltigen Agrobusiness mit
energieintensivem Kunstdünger, Pestiziden, Herbiziden, einem den Boden schädigenden
Maschineneinsatz in großen Stil etc. einfach extrapolieren. Zudem geht es um
wesentlich mehr als Ernährung. Mehr Menschen bedeuten immer auch mehr in Beton
gegossene Infrastruktur, mehr Schulen, mehr Krankenhäuser, mehr Wohnungen, mehr
Verkehrs- und Energieinfrastruktur etc.
Orthodoxe Linke meinen, das
Problem sei erledigt, wenn man es mit dem Etikett „Neomalthusianismus“
versieht. Dabei ist Malthusʼ
Bevölkerungsgesetz – ganz unabhängig von sehr bedenklichen Äußerungen, die sich
bei ihm finden – wohl kaum zu widerlegen. Marxistische Linke mögen wenigstens
zur Kenntnis nehmen, dass ihre Gründerväter, auf die sie sich berufen, nämlich
Marx und Engels, in dieser Frage in ihren späten Jahren zumindest sehr
nachdenklich geworden sind (s. z. B. MEW 35, 150–152). Es ist auch erstaunlich
genug, wie Linke, die einen materialistischen Standpunkt für sich in Anspruch
nehmen, von unseren biologischen Grundlagen so sehr abstrahieren können.
Mangels Fressfeinden hat sich kein anderes Säugetier so rasant über den
Planeten ausgebreitet wie der Mensch, der im Vergleich zu anderen Spezies
unvergleichlich mehr Ressourcen verbraucht. Bei allen anderen Spezies regelt
die Natur selbst die Population – in der Regel auf recht grausame Weise. Der
mit Intelligenz ausgestattete Homo sapiens sollte zumindest mit den Mitteln,
die ihm heute zur Verfügung stehen, in der Lage sein, die Regulierung der
Population selbst zu steuern. Andernfalls wird dies auch in seinem Fall die
Natur regeln: durch Pandemien, Naturkatastrophen, gewaltsame Konflikte, Kriege
etc. Der Vorwurf des Zynismus an diejenigen, die für eine Eindämmung des
Bevölkerungswachstums mit geeigneten politischen Mitteln eintreten, ist also
direkt an die Adresse dieser „Linken“ zurückzugeben.
Quellen
Dörre,
Klaus: Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution,
Berlin 2021.
Kern,
Bruno: Das Märchen vom grünen Wachstum. Plädoyer für eine nachhaltige und
solidarische Gesellschaft, Zürich 22020.
Kern,
Bruno: Industrielle Abrüstung jetzt! Abschied von den Technik-Illusionen,
Marburg 2024.
Löwy,
Michael: Ökosozialismus. Die radikale Alternative zur ökologischen und
kapitalistischen Katastrophe, Hamburg 2016.
Sarkar,
Saral: Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse der
Systemalternativen, Zürich 2001.
Sarkar,
Saral: Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere politische Ökonomie, Neu-Ulm
2012.
Sarkar,
Saral: Was ist Ökosozialismus? Mit einem Beitrag von Jonathan Rutherford,
Marburg 2024.
Tanuro,
Daniel: Klimakrise und Kapitalismus, Köln 2015.
Zeller,
Christian: Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische
Alternative brauchen, München 2020.